Offener Brief an Berlins Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller

Ein kultur- und bildungspolitischer Skandal! Die grund- und sinnlose Demontage der Zentral- und Landesbibliothek Berlin muss verhindert werden!

Wir bitten um die Unterzeichnung dieser Online-Petition, die nur noch wenige Tage läuft:
https://www.openpetition.de/petition/online/buechervernichten-in-berlin-bibliotheken-werden-kaputt-rationalisiert

„Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) ist die größte öffentliche Bibliothek in Deutschland“, so kann man es unmissverständlich auf der Webseite der ZLB lesen. Und weiter: „Die ZLB ist die am besten besuchte Kultur- und Bildungseinrichtung Berlins.“

Diese großartige Bibliothek ist in Gefahr: Ihr vielfältiger Buchbestand soll nach dem Willen des Managementdirektors Volker Heller und des Stiftungsrats der ZLB abgeschafft werden. In einem nicht öffentlichen Verfahren wurde entschieden:
Einen Großteil der Bücher in den meisten Fachgebieten, die nun als „Massengeschäft“ bezeichnet werden, darf die ZLB künftig nicht mehr selbst auswählen. Sie muss stattdessen die fertige Auswahl externer Dienstleister übernehmen, vor allem der ekz-bibliotheksservice GmbH aus Reutlingen.

Diese Entscheidung wird das Profil der ZLB radikal verändern:

Die ekz liefert nur ein beschränktes Angebot. Es besteht aus einer einheitlichen Standardauswahl, die für alle deutschen Öffentlichen Bibliotheken passen muss, von der kleinsten Dorfbibliothek bis zur mittleren Großstadtbibliothek. In Berlin ist davon bereits fast alles in den ca. 80 Bezirksbibliotheken und 12 Bezirkshauptbibliotheken vorhanden. Die ZLB ergänzte dieses Angebot bisher in ihrer übergeordneten Funktion, indem sie mehr und spezifischere Medien bereitstellte.

Durch die Übernahme standardisierter Medienpakete wird sich die Buchauswahl in vielen Fachgebieten nun stark verkleinern, z.B. in Politik, Geschichte und Sozialwissenschaften. Auch Sprachkurse in Deutsch und vielen anderen Sprachen, „fremdsprachige Literatur“, sowie Fachliteratur für die Aus- und Weiterbildung (v.a. medizinische Berufe und Pädagogik) werden in ihrer qualitativen Breite empfindlich beschnitten.

Gleichzeitig soll der vorhandene Ankaufsetat zukünftig nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien ausgegeben werden: nach kennzahlengestützten Beschaffungsmodellen, in denen einzelne Fachgebiete in Konkurrenz zueinander treten.

Diese als Rationalisierung bemäntelte Beschneidung intellektueller Diversität verschwendet öffentliche Mittel, die eigentlich dafür gedacht sind, die einmalige Bildungs- und Kulturinstitution ZLB auf ihrem qualitativ hohen Niveau weiter zu führen. Auch die vielfältige Berliner Verlags- und Buchhandelslandschaft wird nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen, wenn Aufträge in Millionenhöhe durch einen zentralisierten Einkauf monopolisiert werden. Den Schaden hat nicht zuletzt das Land Berlin.

(1) Ein weiterer Angriff auf eine besondere öffentliche Einrichtung?

Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) wurde nach dem Vorbild der US-amerikanischen Public Libraries gegründet. In dieser Tradition ist die ZLB als Zusammenschluss von AGB und Berliner Stadtbibliothek auch heute noch eine Universalbibliothek für die ganze Breite der Gesellschaft. Hier gehören Wissenschaft und Populäres, Alltägliches wie Besonderes zusammen – in dieser Art einmalig in Deutschland. Mit 3,5 Millionen Medien, davon ca. 2,5 Millionen Büchern aus den letzten 100 Jahren, gehört sie zu den ausleihstärksten Bibliotheken in Deutschland. Sie ist keineswegs mit den von Volker Heller zu Vorbildern erklärten zentralen Stadtbibliotheken von Hamburg und Bremen zu vergleichen, die ein sehr eingeschränktes Buchangebot mit ausschließlich aktueller Literatur der letzten 10 Jahre vorhalten. Beide Bibliotheken sind sogenannte Verbrauchsbibliotheken mit wenigen 100.000 Bänden, in denen jedes Jahr so viele ältere Bücher ausgesondert werden wie neue hinzukommen. Eine Archivierung gibt es nicht. Soll so die Zukunft der ZLB aussehen? Lediglich die Sondersammlungen und Spezialbereiche der Landesbibliothek sollen geschützt werden. Damit wird aber eben jene spezifische Vielfalt dieser einzigartigen Universalbibliothek zugunsten einer Trennung in Hochkultur und Massenkultur zunichte gemacht.

Es ist klar: mit der Umstrukturierung der ZLB wird deren besondere Öffentlichkeit – egalitär, leicht zugänglich, vielfältig – abgeschafft werden. Das neue Konzept degradiert die breite NutzerInnenvielfalt der ZLB zum erklärten „Massengeschäft“, für das ein Sortiment an Bestsellern und (vor allem deutschsprachiger) Gegenwartsliteratur für völlig ausreichend erklärt wird. Dies in Zeiten, in denen Berlin sich zu einer internationalen Metropole entwickelt, ist kurzsichtig und kontraproduktiv.

(2) Komplette Anlasslosigkeit?

Offen bleibt dabei die Frage: warum das alles? Es gibt von Seiten der Politik keine Etatkürzungen für die ZLB, die Bilanz Ende 2014 war positiv. Angeblich soll durch die Umstrukturierung die Arbeitszeit der FachlektorInnen für wichtige Zukunftsaufgaben wie die Vermittlung digitaler Medien frei gesetzt werden. Konkrete Planungen dazu existieren jedoch gar nicht und Alternativen wurden nicht geprüft. Es ist zudem mehr als fraglich, ob der Einsatz von inhaltlich spezialisierten FachlektorInnen im technischen Auskunftsdienst für ein modernes Bibliothekskonzept steht.

Dennoch versuchte der Kulturstaatssekretär Tim Renner bei einer öffentlichen Anhörung im Abgeordnetenhaus im März 2015 die KritikerInnen des Umbaus als Ewiggestrige zu diskreditieren: sie seien von der „nackten Angst vor der Digitalisierung“ getrieben. Wir, als digitale LiteratInnen, fragen: Wie soll die ZLB der Zukunft eigentlich aussehen? Es ist offensichtlich, dass die aktuellen Planungen eine gut funktionierende Bibliothek um den Preis ihrer inhaltlichen Substanz zur „Hochleistungsdienstleistung“ aufputschen sollen.

(3) Unsere Forderungen

Wir sind Kulturschaffende, AutorInnen, RentnerInnen, FilmemacherInnen, KuratorInnen, WissenschaftlerInnen, Eltern, KünstlerInnen, NachbarInnen, PublizistInnen, BuchhändlerInnen, TheatermacherInnen, Intellektuelle, Lesewütige, wir sind NutzerInnen der ZLB und befürchten den dramatischen Qualitätsverlust einer Berliner Institution, die für uns eine einzigartige Ressource und Arbeitsgrundlage darstellt.

Wir fordern den Regierenden Bürgermeister und Kultursenator von Berlin Michael Müller auf, dafür zu sorgen, dass sämtliche Pläne sofort und unverschleiert der Öffentlichkeit dargelegt werden. Nach ersten Protesten scheinen aktuell kosmetische Veränderungen an den konkreten Zahlen vorgenommen zu werden, ohne dass sich etwas am Grundkonzept einer inhaltlichen Verflachung der ZLB ändert. Sowohl das bibliothekarische Fachpersonal der ZLB als auch die Berliner Öffentlichkeit müssen hierüber informiert und in alle weiteren Entscheidungen eingebunden werden. Die meistbesuchte Kultureinrichtung Berlins darf nicht hinter verschlossenen Türen demontiert werden! Bildung muss weiterhin unabhängig vom sprachlichen und sozialen Hintergrund möglich sein!

Als NutzerInnen der ZLB und Kulturschaffende Berlins fordern wir, dass dieser sinn- und planlosen, geschichtsvergessenen, undemokratischen und kleingeistigen „Umstrukturierung“ Einhalt geboten wird. Mit ihr würde eine der wichtigsten Bildungs- und Kulturinstitutionen Deutschlands zu einem belanglosen Bestsellerregal degradiert.
Zukunftsgerichtete Planung sieht anders aus!

http://www.erhaltet-die-zlb.net/offener-brief-de/